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CHATROOM

Tödlicher Rat von anonymen Besserwissern
Silke Krottendorfer | DER STANDARD, 4. April 2006

Strip der Persönlichkeit auf der Chatroom-Bühne

Wien - Das Licht im Zuschauerraum geht aus. Stille breitet sich aus. Sechs Jugendliche, ganz weiß gekleidet, betreten die Bühne des Dschungel und beginnen in aller Ruhe Stühle in einer Reihe aufzustellen. Jeder sucht sich in dem kahlen Raum einen Platz. Die Atmosphäre ist eisig. Das junge Publikum wird unruhig. Noch hat keiner der Darsteller auch nur ein Wort gesagt. Spannung breitet sich aus, der Saal vibriert voller Erwartung. Da fällt das erste Wort und schon entlockt der Sprecher dem Publikum ein Lachen. Ein Pfeifen ertönt: Der bekannte Klang eines Modems. Auf in die Welt des World Wide Web. Die Schauspieler verlieren Stück für Stück einen Teil ihrer weißen einheitlichen Kleidung und werden zu individuellen Persönlichkeiten - sie heben sich zusehends vom dem gesichtslosen Begriff "Jugendliche" ab.

Verschleierte Gefahr

Man trifft sich in einem Chat und hat plötzlich eine Beziehung zueinander. Namen und persönliche Angaben sind unwichtig - sie passen nicht in die anonyme Welt des Internets. Dann taucht Jim auf. Er versucht, in einem Selbstmordforum eine Lösung für seine Probleme zu finden. Er trifft auf Momo, die ihm geduldig zuhört, aber nicht weiterhilft. Enttäuscht wechselt Jim in den Chat der "Verdammten Besserwisser" und vertraut vier Teenagern mehr und mehr seine persönlichen Geschichten an. Rosa Luxemburg und Che Guevara ermutigen ihn dazu, ein Zeichen zu setzen: Jim soll öffentlich Suizid begehen. Das Stück stammt von Enda Welsh, der es in "Chatroom" versteht, eigenwillige Charaktere auf die Bühne zu bringen. Den tosenden Applaus am Ende hat sich "Chatroom", inszeniert von Corinne Eckenstein, wahrlich verdient.

Zu sehen bis 8. April im Dschungel Wien  

 

 

Und irgendwo dazwischen bin ich

Helene Kurz | Wiener Zeitung, April 2006

Sechs gelangweilte und frustrierte Teenager sitzen da und warten ab, was passiert. Es gibt nichts zu tun, denn: "Was haben Teenager in den vergangenen 30 Jahren schon Revolutionäres vollbracht, mal abgesehen von den Punks?" Das klinische Weiß der realen Welt schottet sie voneinander ab. Nur im Chat öffnen sich die kontaktarmen Stubenhocker.

In der Virtualität des Internets bleiben die Jugendlichen anonym und plaudern über Britney Spears oder Harry Potter, erzählen von Eiterpickeln und sadistischen Turnlehrern.

Der Chatroom heißt "Die verdammten Besserwisser". Sinn und Zweck dieses Chats ist es, neunmalkluge Ratschläge zu erteilen, sich selbst in Szenen zu setzen und die eigene Unwissenheit und Unsicherheit zu vertuschen.

Suizidgedanken tauchen auf, plötzlich dreht sich alles um Macht und Kontrolle. Wie weit kann man einen Menschen treiben? Vielleicht bis zum öffentlichen Selbstmord?

"Chatroom" - witzig inszeniert von Corinne Eckenstein - ist leicht bekömmliche Kost. Die inneren Kämpfe der Heranwachsenden werden auf einfühlsame Art dargestellt. Beatrice Radlingers farbenfrohe Kostüme ergänzen die originellen Regieeinfälle stimmig, weiße Sessel sind die einzigen Requisiten. Alles andere bleibt der Phantasie vorbehalten.

Den jungen Darstellern macht es sichtlich Freude auf der Bühne zu agieren und überzeugen durch ihre Natürlichkeit und ihre progressive Art mit den Textfragmenten umzugehen.

 

 

Ein Hormonchaos

Österreichische Uraufführung von Enda Walsh's "Chatroom"

Edith M. Wolf Perez | Online am: 03.04.2006, ©www.tanz.at

Corinne Eckenstein ist wohl eine der produktivsten Regisseurinnen in Wien, die sich mit Themen für Jugendliche ab 14 auseinandersetzen. Nach dem hinreißenden "Verhüten und Verfärben" (Text: Lilly Axster), das kürzlich seine Dernière hatte, brachte sie nun ein Stück des irischen Erfolgsautors Enda Walsh als österreichische Premiere im Dschungel Wien heraus. Sechs Jugendliche treffen sich in einem Chatroom. Sie sind alle um die 15 und leben in derselben Stadt (in diesem Fall in Wien) und verwenden Aliasnamen, um anonym zu bleiben.
Es beginnt mit Smalltalk, und steigert sich bald zu Frust-Attacken auf J.K. Rowling, Britney Spears. Die psychosozialen Voraussetzungen der sechs Charaktere werden offensichtlich.
Dann trifft "Jim", der Suizidgefährdete, auf "Che Guevara", der unbedingt "ein Zeichen setzen" will. Ein missionierender Charakter, verbissen und fanatisch, der in "Rosa von Luxemburg" eine Verbündete findet. Sie wollen Jim helfen. Doch wollen sie ihm nicht einen Selbstmord ausreden, sondern sehen darin die Gelegenheit, ihre Ambitionen zu verwirklichen - welche das genau sind bleibt freilich verschwommen. Jedenfalls versuchen sie Jim dahingehend zu manipulieren, dass er seinen Selbstmord öffentlich macht und damit ein Zeichen für die Teenager gesetzt wird. "Sailor Moon", "Momo" und "Jack" intervenieren gerade rechtzeitig und Jim setzt ein Zeichen - als Clown verkleidet tanzt er wie wild auf einer Bank auf dem Stephansplatz.
Walsh zeichnet ein bedrückendes Bild einer Generation, der der Sinn abhanden gekommen scheint. Das Internet ist bei ihm nicht eine weltumspannende Kontaktbörse, sondern ein Treffpunkt gestörter Einzelgänger, für die Revolution sozialromantisches Heldentum bedeutet. "Wir sind Teenager", sagt Che, "Das hat mal was bedeutet. Da ging's um Revolution, oder nicht?" Zum heutigen Teenager meint er an anderer Stelle: "Ein Teenager ist eine Unperson, ein Hormonchaos."
Corinne Eckensteins Inszenierung bleibt scharf am Text, mit dem sich die jugendlichen Darsteller sehr ernsthaft auseinandergesetzt haben. Bewegungsinterventionen und Videos sind dramaturgisch behutsam gesetzt. Dass das Opfer Jim als einziger nicht Hochdeutsch, sondern wienerisch spricht, ergibt einen reizvollen Kontrast. Eine Produktion, die betroffen macht und lange nachwirkt.

 

 

Falter vom 2.April 2006 | PETER FUCHS

" Chatroom" im Dschungel

Ganz schön heavy, jung zu sein. Voll Mitteilungs-drang stürzt man in die Kontaktarmut, weil man zu sehr auf die Ausbildung persönlichkeitsfestigender Psychoticks konzentriert ist. Doch dann tüten die Modems. Erst in der Namenlosigkeit des Internet gelingt es, ei­ nander zuzuhören. "Chatroom" von Enda Walsh wird vom Theater Fox- fire im Dschungel (bis 8.4., Wiederaufnahme im Juni) gezeigt. Sechs Jugendliche plänkeln mit der Ernsthaftigkeit von Revolutionären (J.K. Rowling ist der Feind!). Als Jim on­ line geht und von sei­ nen Depressionen erzählt, wird es ernst: Ein paar missbrau­ chen ihre Anonymität, um ihn in den Selbstmord zu trei­ ben. Wird es gelin­ gen? Corinne Eckenstein inszeniert atmosphärisch überzeugend für Leute ab 14 Jahren. Das junge Laienensemble hält fein die Spannung. Angenehm fällt der un­aufgeregte Umgang mit Multimedia-Gadgets auf. Und wie Jim (Tobias Eiselt) a cappella singt und Momo (Jessyca R. Hauser) dazu tanzt, ist vermutlich die berührend­ste Liebeszene, die zurzeit an Wiener Theatern zu sehen ist.

 

 

 

 

 

 
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