KURIER | 27. APRIL 2009
Von Jugendlichen für Jugendliche
Gefühlsexplosionen
auf der Theaterbühne
von Heinz Wagner
20 Jugendliche schrieben inWorkshops
dichte Texte über
erwachende Gefühle. Neun junge
Leute spielen nun „Schrilles Herz“
imKinder- und Jugendtheaterhaus
imWienerMQ.
Vergiss Wedekind und sein „Frühlingserwachen“.
Selbst in der aktuellen rockigen
Musicalversion. Die wahre
Rutschbahn jugendlichen Lebens liefert
„Schrilles Herz“. Und das ganz ohne elterliche
Wickel. Erwachende Sexualität, überschäumende
und daher auch Angst machende
Gefühle, philosophische Gedanken
über das eigene Ich, das des/der Anderen
und nicht zuletzt die Welt im Allgemeinen,
die Suche nach, ja wonach denn? Dem Sinn
des Lebens? Oder auch „nur“ dem nächsten
Schritt! Dichtest geschrieben und derzeit gespielt
von Jugendlichen imDschungel Wien.
Romeo & Julia Die Story beginnt rund umdie
Matura. Ausgerechnet die Dauer-Klassenbeste
Marlen fliegt durch. Weil sie Romeo
und Julia auf die „banale“ Beziehungsebene
herunterbricht: „Das berühmteste Liebespaar
der Welt. Drama ohne Ende, also mit
Ende, die Liebe unerschüttert, aber niemand
mehr da. Wenn sie mich fragen, folgenschwere
Täuschung der Menschheit, Liebe
auf den ersten Blick, christliche Verheißung
imTod ohne Rücksicht auf dieGegenwärtigkeit
des Miteinander: Wie sieht der oder die
Geliebte auf den zweiten Blick aus? Ungekämmt
am Morgen? Wer macht Frühstück?
Wer bringt denMist runter?Wer will was im
Bett? Stattdessen Der Schmerz trinkt unser
Blut, und soweiter und so fort ...“
Niemand soll von der Schmach erfahren.
Mehr als dieUngerechtigkeit der Lehrer-Obrigkeit
schmerzt der Gedanke, die Freundinnen
und Freunde zu verlieren. Also eine List:
Alle anderen irgendwie zusammenbringen,
sie gar steuern zu können? Via Handy
schlüpftMarlen in verschiedeneRollen, lässt
ein Baby imKlassenraumkrabbeln undwartet,
wer sich als Eltern fühlen könnte ...
Mehr sei von der Geschichte gar nicht verraten,
sie tut auchnicht so viel zur Sache.Viel
wichtiger sind die Gefühlsregungen, das
Reagieren aufeinander.Unmittelbar.
Punktgenau. Kein Wunder. Die Texte
stammen von 20 jungen Leuten. Sie arbeiteten
im Sommer mit der Autorin Lilly Axster.
„Wir haben uns Geschichten ausgedacht,
viel Gefühle beschrieben“, erzählt Marian
Momen. Der Schüler schwärmt amRande einer
der letzten Proben mit Corinne Eckenstein
(Regie) für das Stück davon, „dass wir
auch jetzt beim Erarbeiten viel improvisiert
haben. Das gleiche Gefühl der freien gleichberechtigten
Arbeit, das beim Schreiben geherrscht
hat, spielt sich auch hier ab“.
Valerie Pachner, mittlerweile Studentin
und schonmit einiger Theatererfahrung, gefiel
an der Arbeit besonders „das stark Prozesshafte. Da ist beim Schreiben und in den
Proben sehr viel aufgetaucht an jugendlichenWünschen
und Träumen.Und Sexualität
kommt ganz natürlich und positiv besetzt vor, nicht als sogenanntes Tabuthema.“
www.dschungelwien.at

Der Standard | 21. April 2009
Nach dem „totalen Ende"
Theater von Jugendlichen für Jugendliche
von Bath-Sahaw Baranow*
Wien - Ausgerechnet an Shakespeares Romeo und Julia scheitert die Klassenbeste Marien - die Folge: Matura nicht bestanden. Sie „hat das mit der großen Liebe nicht kapiert".
Erfahren soll das keiner ihrer Klassenkameraden. Der Umstand, dass nach dem durch eine Privatparty mit Übernachtung in der Schule gebührend gefeierten „totalen Ende" am nächsten Morgen ein Baby im Klassenzimmer auftaucht, bringt Marien auf eine Idee.
Die Premiere des Stückes Schrilles Heiz des Theaters FOXFIRE fand am 16. April im Dschungel Wien statt. Ein Stück für junge Leute: Sie sind Autoren, Darsteller und Publikum. Unter der professionellen Anleitung der Theaterautorin Lilly Axster arbeiteten 20 Jugendliche von 13 bis 24 Jahren seit letztem Sommer daran, aus einzelnen Dialogen, Tagebucheinträgen, Monologen und Geschichten gemeinsam ein ganzes Stück zu konstruieren.
Ratloser Trennungsschmerz
Marien benutzt das Baby, um ihr Ziel „Alle oder keiner" durchzu-bringen. „Gezeugt von Romeo und Julia", behauptet sie. Anonym oder in andere Rollen schlüpfend ruft sie ihre Klassenkollegen an, um sie zu verwirren oder ihre wunden Punkte zu berühren. Wer macht sich angreifbar? Wem gehört das Kind?
Doch Marien ist nicht die Einzige, die von unerwarteten Trennungsängsten und der für die Maturanten neuen Frage nach dem Wohin und Wie geplagt wird.
Aus Ratlosigkeit kehren viele der Jugendlichen immer wieder zu der ihnen einzig bekannten Welt zurück. „Drei Meter vom Schultor, fünf Meter von einem Mistkübel und ganze zehn Meter von einem Baum" wartet Phil, „auf dich oder einen herabfallenden Konzertflügel."
Die philosophisch veranlagte Minna, die sich nach Zwischenräumen sehnt und die „Scheiß-Op-positionen" scheut, weiß nicht, was sie mit dem körperkultfanati-schen Alex anfangen soll, den sie zwar Hebt, dem sie sich aber überlegen fühlt. Elias hingegen besucht das Baby und versucht ihm zu erklären, was der Geschlechtsakt ist. Er kämpft „seit Ewigkeiten" mit der Liebe zu seiner guten Freundin Dinka.
So spinnen sich langsam aus einzelnen Dialogen und einer außergewöhnlichen Handlung die Beziehungen zwischen den Charakteren. Schrilles Herz ist etwas, wovon sich konservative Eltern oder Lehrer erst einmal erholen werden müssen. Es wird kein Blatt vor den Mund genommen, wenn es um Themen wie Beziehung und Sexualität geht.
Das erklärte Ziel der Produktion ist, sich unverblümt mit jugendlichen Wünschen, Hoffnungen, Gefühlen und Ängsten auseinanderzusetzen. Da war es nur angebracht, die Umsetzung den jungen Menschen zu überlassen, um die es letztlich geht.
*Bath-Sahaw Baranow ist Mitautorin des Stücks "Schrilles Herz".

KULTURWOCHE | 21. April 2009
Schrilles Herz – Premierenkritik von Evelyn Blumenau
Liebe, Sexualität und eine enorme Portion Energie mit Texten von Jugendlichen, interpretiert von jungen Akteur/innen. Die rasante Uraufführung von "Schrilles Herz" fand im Dschungel Wien statt.
Das Leben danach
Eine Schulklasse nach der Matura. Marlen hat nicht bestanden, da sie bei der Frage zu Romeo und Julia nicht die gewünschten Antworten gibt. Die 8B feiert trotzdem, alte und neue Berührungsängste kommen hoch, "das Leben danach" wird teilweise mit einem unguten Gefühl, dann wieder mit Mut zum Risiko, angedacht oder zumindest gedanklich umkreist. Die acht Ex-Schüler/innen thematisieren auf reizvolle und heterogene Art und Weise ihr fast-erwachsen-sein und schämen sich nicht zuzugeben, dass sie die Geborgenheit der Gruppe vermissen werden. Als plötzlich ein - sprechendes - Baby auftaucht, das niemandem gehört, wird die Gruppe unsicher und die Spannungen unter den Protagonist/innen spürbarer. Corinne Eckenstein hat diese Geschichte mit der musikalischen Unterstützung von Sue-Alice Okukubo und in schweißtreibenden Szenen auf diversen Fitnessgeräten effektvoll in Szene gesetzt.
Dies ist wahrlich eine Aufführung für junges Publikum: Mitreißend, bewegt, witzig und erotisch. Beziehungsgeschichten, Lebensangst, sexuelle Orientierungsversuche und berührende Annäherungen öffnen die Innen- und Außenwelten der jungen Protagonist/innen. Die Texte sind gut geschrieben, die "Textkomposition" von Lilly Axster macht Sinn. Trotzdem bleibt langfristig gesehen nicht viel von diesem Stück in Erinnerung, was wohl an der Heterogenität und an der vielköpfigen und altersgemischten Autor/innenschaft liegen mag.
Die Produktion von Theater Foxfire entstand nämlich auf Basis der Texte, die in einer Schreibwerkstatt unter der Leitung von Lilly Axster verfasst wurden. 20 junge Autor/innen zwischen 13 und 25 Jahren waren am Schreibprozess zu "Schrilles Herz" beteiligt und erschufen authentische Charaktere, die von einem sehr jungen Team dargestellt wurden. Die Aufführung bewegt sich alleine schon von daher im Graubereich zwischen Show und literarischem Anspruch, was keineswegs ein Widerspruch sein muss und im konkreten Fall auch sicher nicht ist. Das jugendliche Zielpublikum wird seine Freude haben und möglicherweise auf den Geschmack kommen, selber Texte zu schreiben, um die eigenen Gefühls- und Erfahrungswelten auf den Punkt zu bringen. (Text: Evelyn Blumenau; Fotos: Laurent Ziegler)

Kurier | 18.April 2009
Positive Gefühlsexplosionen
"Schrilles Herz": Ein geiles starkes Stück von, mit und für Jugendliche(n)
Vergiss Wedekind und sein "Frühlingserwachen". Selbst in der aktuellen Rockmusicalversion im Wiener Ronacher. Die wahre Rutschbahn jugendlichen Lebens liefert "Schrilles Herz". Erwachende Sexualität, überschäumende und deswegen Angst machende Gefühle, tiefsinnige, philosophische Gedanken über das eigene ich, das des/der Anderen und nicht zuletzt die Welt im Allgemeinen, die Suche nach, ja wonach denn? Vielleicht dem Sinn des Lebens? Oder auch "nur" den nächsten Schritten! Dichtest geschrieben und gespielt von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Die Texte stammen von 20 jungen Leuten. Sie werkten im Sommer mit der bekannten Kinder- und Jugend(theater)autorin Lilly Axster. Die strukturierte die rund 300 Seiten zum Gerüst eines Stückes. Dann übernahm Corinne Eckenstein die Staffette. Mit neun jungen Schauspielerinnen und Schauspielern ging's an die Umsetzung für die Bühne.
Die Story, die rund um die Matura beginnt. Ausgerechnet die stets Klassenbeste Marlen fliegt durch. Weil sie Romeo und Julia auf die "banale" Beziehungsebene herunterbricht. "... das berühmteste Liebespaar der Welt. Drama ohne ende, also mit Ende, die Liebe unerschüttert, aber niemand mehr da. Wenn sie mich fragen, folgenschwere Täuschung der Menschheit..."
Niemand soll's erfahren. Mehr als die Ungerechtigkeit der lehrerhaften Obrigkeit schmerzt der Gedanke, die Mitschülerinnen und -schüler zu verlieren. Also eine List, wie alle anderen irgendwie zusammen bringen, sie zum handeln zwinge, sie gar zu steuern? Am Handy in verschiedenste Rollen schlüpfen, ein Baby im Klassenraum krabbeln lassen und warten, wer sich als Eltern fühlen könnte....
Mehr sei von der Geschichte gar nicht verraten, sie tut auch nicht so viel zur Sache. Viel wichtiger sind die unterschiedlichen Gefühlserregungen, das Reagieren auf einander. Unmittelbar. Punktgenau.
Heinz Wagner

Wiener Zeitung | Samstag, 18. April 2009
Auf dem Spielplatz künftigen Lebens
Von Petra Tempfer
Eine rosarote Rutsche und Rampen formen sich zum Spielplatz, auf dem frischgebackene Maturanten Zukunftspläne schmieden. Sie jonglieren in "Schrilles Herz" von Lilly Axster und 20 Autoren ab 13 Jahren mit der Angst vor der plötzlichen Freiheit und hemmungsloser Freude.
Marlen etwa hat als Einzige die Matura nicht bestanden und lebt überzeugend ihre Frustration aus. Alex träumt hingegen von seiner großen Liebe. Als ein Baby in den Kreis der Jugendlichen krabbelt, ergreifen sie die Flucht – dafür fühlen sie sich noch nicht reif genug.
Erfreulich: Die unter Corinne Eckensteins Regie kommunizierten Gedankengänge der jungen Darsteller werden nicht von Düsternis, sondern erfrischendem Optimismus dominiert.
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