PAUSEN-REHE & PLATZ-HIRSCHE
Macht- und andere Spiele auf dem Pausenhof
"GroßePause 15 Minuten Freiheit für alle!" So ertönt es. Und dann geht's rund auf dem Pausenhof.Da ist der Außenseiter, auf den alle losgehen. Unmotiviert wird er verspottet, angestänkert und niedergestoßen. Cliquen bilden sich und zerfallen wieder zu Gunsten anderer Freundesbande. Die einen richten die anderen aus. Die beste Freundin ist diese Rolle von einem Moment auf den anderen wieder los. Es wird getratscht, gezankt, aber auch geliebt.Positionen werden erkämpft, verteidigt und wieder verloren. Und selbstverständlich spielen sich auf einem Schulhof auch zaghafte und intensivere Annäherungsversuche zwischen Mädchen und Burschen ab: An die eineinhalb Stunden dauert diese episodenhafte Geschichte mit Geschichten. Sie ist unter dem Titel "Pausen-Rehe und Platz-Hirsche" sowohl beim Theaterfestival Szene Bunte Wähne im Waldviertel als auch als Wiederaufnahme im Dschungel Wien Anfang Oktober zu sehen. Die auf der Bühne erzählten Geschichten Texte: Dörthe Braun, Lukas Hollinger, Guy Kmeta, Kaspar Manz könnte auch das Leben so geschrieben haben. Dass das Spiel so echt wirkt, verdankt die Inszenierung (Regie Corinne Eckenstein, Theater FOXFIRE) auch dem Faktum, dass die neun Schauspielerinnen und Schauspieler sehr jung sind. Teils gehen auch sie noch zur Schule Alma Hasun und Jessyca Rezman sind 15, Tomas Novak und Paul Maresch 17 und 18 Jahre. Eine wichtige Rolle spielt zusätzlich die Musik (Sue-Alice Okukubo).Die Bühne beschränkt sich im Wesentlichen auf eine schräge an eine Skaterramp erinnernde Fläche und zwei schulgarderobenartige Sitzbänke. Ein sehr wichtiges weiteres "Requisite" stellt allerdings eine Videokamera dar, mit der eines der Mädchen die anderen in fast allen Lebenslagen aufnimmt.Die große Welt mit all ihren Machtspielen hält hier verdichtet im kleinen Pausenhof ihre Probe ab.
Heinz Wagner, Kurier 3.Okt.05

"Pausen-Rehe & Platz-Hirsche"
15 Minuten täglicher Überlebenskampf auf dem Schulhof, Ort für soziale Kontakte, Selbstdarstellung genauso wie für physische und psychische Grausamkeiten. Um all das dreht sich das Stück "Pausen-Rehe & Platz-Hirsche" - anspruchsvoll und mitreißend umgesetzt von den 9 dynamischen JungschauspielerInnen des TheaterFIREFOX in Kooperation mit Dschungel Wien.
"Wer bin ich? Ich würde gern wissen, warum ich ich bin." In Episoden erzählt das Stück von den vielfältigen Problemen des Erwachsen-Werdens. Es geht um die erste Liebe, um Freunde, Cool-Sein, Mobbing, um Respekt und Rivalität, Unabhängigkeit, um Äußerlichkeiten, genauso wie um Gefühle innerer Leere und Verzweiflung - im Grunde ist jeder auf der Suche nach sich selbst. Fragen werden viele gestellt, Antworten gibt es wenige. Zwischen den mobilen Bänken, die den Schulhof begrenzen, entspinnen sich kleine Dramen, werden Freundschaften aufgekündigt und neu geschlossen, entwickeln sich zaghafte Annäherungsversuche. Eine lebhafte Choreographie bringt Bewegung in das Spiel um Anziehung und Abweisung. Die jugendlichen DarstellerInnen überzeugen durch ihr natürlich wirkendes, intensives Spiel. Aus der episodenhaften Vorlage, Texten zum Thema "Schulhofgeschichten", entstand unter der Leitung von Corinne Eckenstein ein dichtes Stück, ergänzt durch selbst erarbeitete Szenen.
Die dynamische Inszenierung wagt sich an jedes noch so freudvolle oder schmerzhafte Thema, ohne jemals lächerlich zu wirken. Authentische Dialoge, die offene und ernsthafte Auseinandersetzung mit der jugendlichen Lebenswelt machen dieses Bühnenstück zu einem amüsanten, berührenden wie anspruchsvollen Theatererlebnis. Sehr empfehlenswert!
Anna Hofmann & Julia Kornhäusl

29.9.05- Festivalauftakt in Krems, Theater FOXFIRE & Dschungel Wien:
"Pausenrehe und Platzhirsche"
Die Pause ist für alle da- hereinspaziert- herausspaziert!
Wie Werbeslogans klingt es verheißungsvoll aus den Schatten des Schulhofes: "15 Minuten Freiheit! 15 Minuten grenzenloses Vergnügen! Dabei sein ist alles! Die Pause ist für alle da- für sie und ihn, für arm und reich." Doch schnell wird klar: das sind nur leere Versprechungen. Von Freiheit ist auf diesem Schulhof nicht viel zu spüren- das erfährt besonders Toby, der Außenseiter, am eigenen Leib. Er steht isoliert am vorderen Bühnenrand, blickt starr ins Publikum. Von hinten nähern sich bedrohliche Schatten, wenn er sich nach ihnen umdreht, frieren ihre Bewegungen ein- fast fühlt man sich an ein Spiel wie "Ochs am Berg" erinnert, doch hier handelt es sich keineswegs um ein harmloses Kinderspiel. das wird auch dem letzten klar, als die Verfolger ihn erreichen und brutal zusammenschlagen.
Schon der Schulweg gleicht für Toby einer Fahrt in der Geisterbahn- wir folgen ihm auf der Filmleinwand, verfolgt von unheimlichen Schemen und Geräuschen. In der Schule angekommen, wird es auch nicht besser. Der Schulhof ist ein Laufsteg der Eitelkeiten, wo jeder sich unverwundbar gibt und jeder Schritt, jeder Annäherungsversuch von den grölenden Mitschülern beobachtet und kommentiert wird.
Man könnte sie auf jedem Schulhof antreffen, die Protagonisten dieser Geschichte: der betont coole Kiffer, der Metal-Fan, das handysüchtige Girlie, der Rowdy, die Belesene, der Skater, die Kreative, die Sinnsuchende- und der Außenseiter, der nirgends richtig dazuzugehören scheint. Nur Kim scheint sich für Toby zu interessieren- allerdings arbeitet sie an einem neuen Projekt: mit ihrer Kamera will sie ihre Mitschüler im Schulalltag begleiten, ihre Träume, Wünsche und Ängste aufzeichnen. Das stößt nicht immer auf Zustimmung- aber ihre unverfrorenen Fragen schaffen es schließlich doch, Antworten zu provozieren. Große Verzweiflung und Resignation kommen hier zu Tage: Die Schüler haben Angst, nicht zu wissen, wo sie hingehören. Sie fühlen sich leer, unverstanden, ziellos. Die eigene Rolle in der Gesellschaft ist noch nicht definiert, andererseits herrscht großer Erwartungsdruck- Lehrer und Eltern sind keine große Hilfe. "Meine Mutter arbeitet viel und hat keine Lust auf Verantwortung. Ist aber egal. Ich tu was ich will." Wichtig ist es, viele Freunde zu haben, auch wenn die oft nur so tun als ob. Und "wie man bei den Burschen ankommt", meint Linda- das ist aber auch gar nicht so einfach. Ob virtuell im Chat oder mit echtem Körperkontakt- irgendwie sind die Jungs doch alle Versager. Aber ist es nicht doch besser, mit einem Idioten zusammen zu sein, als mit Niemandem?
Fragen werden viele gestellt, Antworten gibt es wenige. Zwischen den mobilen Bänken, die den Schulhof begrenzen, entspinnen sich kleine Dramen, werden Freundschaften aufgekündigt und neu geschlossen, entwickeln sich zaghafte Annäherungsversuche. Eine lebhafte Choreographie bringt Bewegung in das Spiel um Anziehung und Abweisung. Dabei zeigen die jungen Darsteller großen Einsatz, sie werfen sich voller Elan in ihr Stück, mit ganzem Körpereinsatz. Trotz der typenhaften Beschreibung der Charaktere bleiben diese nie eindimensional, sie gewinnen mehr und mehr an Tiefe, was auch dem intensiven Spiel der Darsteller zu verdanken ist. Aus der episodenhaften Vorlage, Texten zum Thema "Schulhofgeschichten", entstand unter der Leitung von Corinne Eckenstein ein dichtes Stück, ergänzt durch selbst erarbeitete Szenen. Beim anschließenden Künstlergespräch mit dem Publikum erzählen die Schauspieler von der anstrengenden Probenarbeit: besonders eine Szene, in der die Burschen Toby zwingen, einen Brief mit groben Beschimpfungen vorzulesen, ging an die Substanz. Es sei schwer gewesen, dabei Spass zu empfinden und zu zeigen, erzählt einer der Darsteller. Eine Zuseherin zeigte sich davon tief beeindruckt, das Stück gehe "unter die Haut".
Doch was ist der Ausweg? Resigniert stellen die Mädchen einmal fest: "Der einzige Ort, der uns noch bleibt, ist das WC. Aber wer kann schon fünfzehn Minuten pinkeln?"
Also doch wieder Schulhof. Pläne werden geschmiedet, wie man die lästigen, pubertierenden Jungs loswerden könnte, Hoffnung keimt auf. Doch das anfänglich spielerische, gemeinsame Tanzen und Herumspringen endet schlussendlich wieder in Raufereien und Aggression. Vielleicht liegt es daran, dass die Kommunikation einfach nicht so recht funktionieren will? "Du meinst, dass wir streiten- und ich meine, dass wir das erste mal richtig miteinander reden!"
Die Isolation voneinander wird mit dem Film illustriert, der jetzt im Hintergrund gezeigt wird: jeder steht für sich, die Verzweiflung findet kein Ventil außer Aggression. Auch der Rowdy Tom will im Grunde nichts Böses, als er von sich und seinen Zielen erzählt, kommt er zu dem Schluss: "Was ich will, ist Respekt." Doch anscheinend hat er nur gelernt, sich diesen durch Gewalt zu verdienen.
Nach den Ferien betritt Toby wieder den verlassenen Schulhof. Er hat einen Gipsarm. Kim kommt dazu, fragt nach seinen Ferien- und erfährt eine brutale Geschichte. Toby erzählt, wie Tom und seine Kumpels ihn erpresst haben, bestohlen und bedroht. Wie er versucht hat, Tom von einer Dummheit abzubringen und der ihm dafür den Arm gebrochen hat.
Die Spirale der Gewalt dreht sich weiter, jetzt steht Kim im Zentrum. Sie will nicht schweigend dulden was hier passiert. Doch kann sie eine Eskalation verhindern?
Am Ende sind es wieder Versprechungen- doch klingen sie jetzt noch bedrohlicher: "Dabei sein ist alles. Hereinspaziert, herausspaziert."
In diesem Sinne: Pausiert, so lange ihr noch könnt!

"Schon cool", was die sich trauen
Von Isabella Hager
Das "szene bunte wähne"-Festival schafft, was MTV nicht mehr kann
Horn - Wenn man an einem Freitagabend eineinhalb Stunden, in Wintermantel und Wolldecke gehüllt, in einem zum Vorstellungssaal umfunktionierten Heustadl sitzt und da, wo sich sonst die Strohballen türmen, sich dicht gedrängt großteils unter 20-Jährige aneinanderkuscheln, bezweifelt man gängige Meinungen, die Jugendlichen würden sich nicht fürs Theater interessieren. Zum 15. Mal öffnete das größte Kinder- und Jugendtheaterfestival "szene bunte wähne" (bis zum 9. Oktober) seine Pforten.
Man muss der Organisation des Waldviertler Festivals zu einer mehr als geglückten Programmauswahl gratulieren, die es schafft, ihrem jungen Publikum genau auf der richtigen Ebene zu begegnen. Sie nimmt es nämlich ernst, egal in welchen Altersstufen es auftaucht. "szene bunte wähne" hat erkannt, dass Kinder-und Jugendtheater keine abwertende Bezeichnung ist, dass man genauso viel Ernsthaftigkeit und Qualität zwischen bunte Farben stecken kann, wie hinter einen roten Samtvorhang, und dass man das ach so MTV-versaute Jungpublikum ruhig auch ein bisschen herausfordern kann.
Apropos MTV-versaut: Da hätte man doch eigentlich gedacht, ebendiese Generation, die sich schon in der Unterstufe Paris-Hilton-Pornos im Internet herunterlädt, könnte nichts mehr provozieren. Dass man damit völlig falsch liegt, und dass es da offenbar auch einen großen Unterschied zwischen Fernsehen und Theater gibt, zeigt am Freitag gleich das großartige Eröffnungsstück in Horn.
Paprikamenschen
Alice, eine Produktion der "Kopergietery" aus Belgien, erzählt von einem Jungen (Jo Jochems), der die Erdbevölkerung in "Paprika-" und "Salz(Chips)-Menschen" einteilt. Er selbst zählt sich zum Paprika-Teil und begibt sich auf die Suche nach Alice, einem von ihm vermissten Mädchen. Auf seinem Weg findet er natürlich nicht Alice, dafür aber in Gesprächen mit "erfahrenen" Paprika-Menschen eine ganze Menge lebenswichtiger Weisheiten und Alltagsschätze. Und das ganze tut er in weißer Unterwäsche. Also lachen die MTV-Zuseher erst einmal, wenn er so halb nackt über die Bühne hüpft und tanzt - und sind dann aber tief und ehrlich beeindruckt. "Schon cool, dass der sich da in der Unterhose nach vorn traut."
Gleich im Anschluss geht es weiter nach Zaingrub in den Heustadl. Kafka. Der zerrissene Fisch des deutschen "Theater Waidspeicher" hat Kafkas "Urteil" noch ein bisschen düsterer, geheimnisvoller und irrationaler werden lassen. Die Schauspieler wechseln sich in ihren Rollen untereinander und mit lebensgroßen, surrealen Puppen ab, schweifen ins Artistische und verwandeln Kafkas Schachtelsätze in muntere Dialoge. Georg Bendemann verfasst seinen Brief, turnt zwei Meter über der Bühne, um als Marionette weiterzuhandeln und ertränkt sich in einer Waschschüssel, in der zuvor seines Vaters Füße gebadet wurden.
15 Minuten Freiheit
Identifizieren kann sich das Publikum mit der Dschungel-Wien-Produktion Pausen-Rehe & Platz-Hirsche. Jugendliche Darsteller aus Wien zeigen hier, wie der Alltag auf einem Pausenhof aussieht - 15 Minuten Freiheit, in der man fast alles machen kann - jedenfalls streiten, küssen, kiffen, lachen, um Typen und die erste Liebe kämpfen, sich selbst präsentieren. Prügeln und demütigen - einen, der nicht "dazugehört". Ihm den Arm brechen. Ihn in den Selbstmord treiben.
Zwischen Hochgefühl und psychischem Terror zeigt das Schauspiel die Zwiespältigkeit und Unbeständigkeit konkurrierenden Schüleralltags, den Kampf um die Macht. Und natürlich moralisieren die Protagonisten. Das Publikum hat's nicht gestört. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.10.2005)


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