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SCHWIMMER IM TREIBSAND
 
 
 
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Interview zu "Schwimmer im Treibsand" von Anna Sonntag (Theaterwissenschaft) mit dem Autor Benedict Thill und der Regisseurin Corinne Eckenstein
Wien am 16. Dezember 2006

Erzählt einmal, wie es von der Idee "Schwimmer im Treibsand" zur der Inszenierung kam.

C.E.: Vor ein paar Jahren habe ich mal einen Band von Raymond Carvers Short Stories geschenkt bekommen. Diese Geschichten haben mich sehr berührt, da sie erzählen, wie sich das Leben durch bestimmte Elemente und Begegnungen in jedem Augenblick um 180 Grad drehen kann, egal wie sehr du versuchst dein Leben im Griff zu haben. Dabei entstand dann die Idee eine theatrale Umsetzung dafür zu finden und ich habe angefangen ein Konzept zu schreiben, dass hat allerdings etwas länger gedauert. Wie es dann feststand, dass ich das Projekt machen werde, habe ich dann Benni gefragt, ob er nicht Lust hätte daraus ein Stück zu schreiben. Wir haben uns dann auf ein paar Geschichten von Raymond Carver geeinigt, die uns ansprachen, aber es ging jetzt nicht darum sie direkt zu adaptieren, sondern eher darum die Atmosphäre einzufangen.

B.T.: Wir haben uns dann ziemlich bald auf 7 Figuren geeinigt. Wir haben jetzt 3 verschiedene Altersgruppen: die Anfang 20, die gerade am Anfang ihres Lebens stehen, aber schon eine Vorgeschichte haben. Die Anfang 30, die sich schon für eine gewisse Lebensart entschieden haben und die 45-50 jährigen, die Mitten im Leben stehen, sich aber fragen welche Optionen ihnen jetzt noch offen stehen. Auch auf das Milieu haben wir uns geeinigt, bei Carver spielen ja die meisten Geschichten in Randgebieten, der so genannten Suburbs. Wir haben unsere Geschichten in ein bürgerliches und Bohemien Milieu verlegt.

C.E.: Es geht darum, welche Begegnungen in diesem Milieu stattfinden und wie diese Begegnungen unvermittelt in ein Leben einbrechen können.

Wie ist "Schwimmer im Treibsand" schreibtechnisch entstanden?

B.T.: Zuerst habe ich ein paar Szenen geschrieben, die ich direkt adaptiert habe, von Raymond Carver. Da hat sich dann aber bald gezeigt, dass das gar nicht so gut ist und wir haben uns entschieden doch eigene Geschichten zu erfinden. Ich hab dann mal einen Entwurf gemacht, von dem inzwischen fast alles weg ist und nur ein paar Szenen sind übrig geblieben.

Wie war eure Arbeitsteilung?

B.T.: Corinne ist das Ganze von der szenischen Seite angegangen, also quasi das Sehende und ich habe die "Basics" sprich die Dialoge geliefert. Meistens hat sie mich zu allen Tag und Nachtzeiten angerufen, mit der Ankündigung "ich habe da noch eine Idee". Wir haben die Handlung gemeinsam entworfen, wobei der Großteil meiner Kreativität darin bestand, ihre Fülle an Ideen in Dialoge umzusetzen. Und so haben wir uns eigentlich gegenseitig befruchtet.

Wie ist es nach Vorlage zu schreiben?

B.T.: Ich habe ja vorher noch nie etwas dramatisiert. Also ich hab jetzt nicht Carvers Kurzgeschichten hergenommen und sie für die Bühne umgeschrieben, sondern mich eher an den Motiven Corinne's und meiner Lieblingsstories von Carver entlang orientiert. Wir haben uns zu Beginn in ewigen Sitzungen überlegt um was es gehen könnte und es war ein bisschen die Angst da, dass wir zu viele Elemente in ein Stück verpacken wollen. Dann hab ich mich hingesetzt und wie gesagt verschiedene Szenen geschrieben, aber nicht chronologisch, wie ich sonst schreibe, sondern quer durcheinander und irgendwann hat sich dann alles wie ein Puzzle zusammengefügt.

Benni, du bist ja erst 22, war es für dich schwierig über 30 und 40 bis 50 jährige zu schreiben?

B.T.: Meine Eltern gehören zur Generation der 40 bis 50 jährigen und mein Bruder ist um die 30. In sofern war das jetzt nicht ein völlig fremde Welt. Und ich habe auch von vornherein gesagt, dass ich nicht den Anspruch erheben werde, dass ich mich jetzt in eine Frau ende vierzig einfühlen kann. Ich habe die Figuren so geschrieben, wie ich diese Generation beobachtet habe.

Was ist dir leicht gefallen und was war doch eher schwieriger?

B.T.: Schwierig war eher aus dem ganze Irrsinn eine Handlung zu filtern, leicht hingegen sind mir die Dialoge gefallen, weil Dialoge einfach mein Ding sind. Außerdem war es nicht so einfach 7 gleichberechtigte Rollen zu schreiben.

Wie würdest du deine Art zu schreiben beschreiben?

B.T.: Normalerweise delirierend. Bisher war es immer so, dass es mich hingezogen hat und ich musste schreiben. Das konnte ich mir dann nicht aussuchen. Hier war das ein bisschen anders. Bei dieser Arbeit musste ich mich hinsetzen und schreiben und hab mir sogar einen richtigen Arbeitsplan gemacht, so 10 bis 13 Uhr schreiben, dann eine Stunde Mittagspause und dann wieder bis am Abend geschrieben. Der Großteil, so wie er jetzt steht ist in 5 Tagen entstanden, bei meiner Mutter auf dem Land.

Wann hast du zum Schreiben begonnen?

B.T.: Also mein Vater behauptet, dass ich ihm schon mit vier Geschichten diktiert habe. Das Stückeschreiben hat sich dann mehr zufällig entwickelt, als ich für ein Schulprojekt mit 16 eine Szene schreiben sollte. Das ging dann so gut, dass aus der Szene bald zwei und dann ein ganzes Stück wurde. Eine Freundin hat mich dann ermutigt, dass selbst zu inszenieren. Das hab ich dann auch gemacht und daraus wurden dann drei Einakter, die im Kabelwerk vor drei Jahren aufgeführt wurden.

Ich hab dann dem Peter Turrini ein paar meiner Stücke geschickt und hab einen handgeschriebenen Zettel mit meiner Telefonnummer und ein paar Worten drauf gekritzelt. Eine Woche später beim Abendessen, klingelt das Telefon und Peter Turrini war dran. Er hat sich bedankt, dass ich ihm meine Stücke geschickt habe und dass er sehr viele Texte zugeschickt bekommt, aber die meisten nach 2 Seiten weglegt, aber meine hätte er bis zum Schluss gelesen. Dann hat er gesagt: "Du host a irrsennige dramatische Protzn!" hat aber gleich gefragt, ob ich eh auch einem anständigen Beruf nachgehe, damit ich Geld verdiene. Wir haben uns dann damals ein paar Mal getroffen und er ist sich auch mein Stück ansehen gekommen und in letzter Zeit haben wir uns eigentlich nur mehr gehört, wenn er sich verwählt hat und bei mir Wein bestellen wollte.

Du kommst ja aus einer Schauspielerfamilie, deine Mutter ist Produktionsleiterin und dein Vater Schauspieler, war es für dich immer klar, was du einmal machen willst?

B.T.: Eigentlich wollte ich früher Comic-Zeichner werden, aber es hat sich dann eben anders ergeben.

Raymond Carver ist ja gerade in Österreich relativ unbekannt, viele kennen jedoch den Film "Short Cuts" von Robert Altman, der auf der Grundlage von Carver's Short Stories geschrieben wurde, habt ihr euch irgendwie an diesem Film orientiert?

C.E.: Eigentlich überhaupt nicht, dieser Film ist so wie so ein eigenes Kunstprodukt, der auch einen ganz anderen Tonfall hat als jetzt "Schwimmer im Treibsand". Eigentlich haben uns eher andere Filme inspiriert, wie zum Beispiel die von David Lynch, in denen immer wieder surreale Momente vorkommen, Leute auftauchen und wieder verschwinden und eigentlich nichts erklärt wird. Bei "Schwimmer im Treibsand" gibt es zum Beispiel eine Figur namens Ulf, der unter Narcolepsie leidet, eine Schlafkrankheit, die jederzeit ausbrechen kann. Ulf zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Stück. Man könnte sagen er ist eine Metapher für das Schicksal.

Du spielst ja in "Schwimmer im Treibsand" mit, was für Vorteile bzw. Nachteile hat es in seinem eigenen Stück mitzuspielen?

B.T.: Eigentlich hat es nur Nachteile... lacht. . Naja, ich wusste ja von vornherein beim schreiben, was meine Rolle ist, und ich wollt mich da nicht in den Mittelpunkt schreiben, und gleichzeitig aber nicht zur uninteressanten Nebenfigur verkommen. Bin mir nicht ganz sicher in wie weit mir das gelungen ist. Also das selber mitspielen, ist für mich eigentlich die größte Herausforderung an dem ganzen, muss ich sagen.

Wie habt ihr zwei euch eigentlich kennen gelernt?

C.E.: B.T. habe ich kennen gelernt, da war er gerade acht Jahre alt, bei einer Produktion von mir, bei der Patricia (Bennis Mutter) Produktionsleiterin war und dann hab ich ihn "noch einmal" kennen gelernt, als er 20 war. Da habe ich gerade einen Regieassistenten für "Pausen-Rehe und Platz-Hirsche" gesucht, aber auch gewusst, dass er schreibt. B.T. hat dann für "Pausenrehe und Platzhirsche" ein paar Szenen geschrieben und seine Art zu schreiben, knappe Sprache/ Dialoge, kam und kommt mir sehr entgegen. Man läuft nicht Gefahr, dass auf der Bühne etwas "weggeredet" wird. Das ist ja auch ein Thema bei Carver, dass die wichtigen Dinge nicht ausgesprochen werden. Oft ist es ja so, dass sich in vielen Stücken die Figuren stets selbst erklären.

Was genau ist ein "Schwimmer im Treibsand" und wie seid ihr auf diesen Titel gekommen?

C.E.: Ich habe einen Artikel über Raymond Carver von Hubert Spiegel in der FAZ gelesen mit dem Titel " Der Schwimmer im Treibsand".

Eigentlich ist ja der Titel ein Widerspruch in sich, denn je mehr du dich im Treibsand bewegst, umso mehr gehst du unter.

 

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