Verstrickungen ganz à la Raymond Carver
Bendict Thills "Schwimmer im Treibsand" im Dschungel Wien
Von den Figuren aus der unheilvollen Alltagswelt des
Raymond Carver inspiriert hat der 22-jährige Benedict
Thill ein abendfüllendes Stück geschrieben, das dem
Geist des US-amerikanischen Minimalisten im vielen
Details Rechnung trägt. Der ohne Schreiblehrgang, vor
allem aber von Regisseurin Corinne Eckenstein (Theater
Foxfire) motivierte junge Mann setzt in Schwimmer im
Treibsand sieben Personen miteinander in Beziehung
und nähert sich dem Autor damit in standesgemäßen
Verstrickungen: Vater und Mutter, Sohn mit Freundin,
die aber in Wahrheit dessen Halbschwester ist.
Sein Freund ist Babysitter bei einer
DJ-Mama, die wiederum im
Fernsehstudio der ersten Mutter
landet usw. Famos in der
Inszenierung Eckensteins ist neben
dem Spiel der jungen Schauspieler
(darunter Autor Thill) der
Bühnenkasten von Andreas Pamperl, in den allerlei
Hausrat implantiert wurde.
Eine Koproduktion mit der
Kaserne Basel
- Der Standard,
16.01.2007

Mehrschichtig
Nach der Premiere am 11. Januar im « Dschungel Wien> kam (Schwimmer im Treibsand) von Benedict Thill in Regie von Corinne Eckenstein von 6. bis 10. Februar an die <Kaserne Basel » . Die Inszenierung zeigt humorvoll und mit witzigem Schwung Untiefen des Lebens auf.
oran soll sich Felix halten? Seine Eltern verhalten sich jugendli cher als er selbst, er, der mit 20 zu klären hat, wohin er sein Leben führen will. Die Handlung von "Schwimmer im Treibsand" nach Motiven aus "Short Stories" von Raymond Carver ist schnell er zählt, und man kann auch die spielerische, bewegungsfreudige Umsetzung schnell als nett, unterhaltsam und oberflächlich abtun. Doch wird man der Insze nierung erst gerecht, wenn man ihre ver schiedenen Ebenen entdeckt.
Felix also, gespielt von Benedict Thill. Lebenskrise schon mit 20. Immerhin eine eigene Wohnung. Aber Lebenstrübsal. Nach Afrika, ein soziales Jahr beginnen? Doch auch bei den anderen sieht es mit dem Leben nur äußerlich locker-leicht aus, was aber virtuos zelebriert wird: David (Manuel Löwensberg) ist nach zig Jobs zwar endlich angekommen («Jetzt ist es an der Zeit, Kontinuität zu erlangen - ich bin Vater»); ein Lebensziel erreicht hat er damit nicht, es hat ihn erreicht. Zudem steht er im Schatten seiner Frau Yoko (Yap Sun Sun), der prominenten Rockmusikerin, die zu wenig Zeit für ihn und die gemeinsame Tochter hat. Und selbst die sportlich-legeren, voll toleranten Eltern von Felix, Maria (Eva Lindner) und Georg (Rainer Doppier) kennen einander nicht wirklich. Georg beichtet seinem Sohn, dass er am Tag von dessen Geburt ein außereheliches Kind ge zeugt hat. Felix findet nicht, dass ihn das angeht. Der Vater schon. Denn Rita (Da niela Nitsch) ist die Freundin von Felix. Sie hat immer wieder anonym per Handy Kontakt mit ihrem Vater aufgenommen, doch Georg spielt stets nur wohlwollendes Verständnis, ohne wirklich auf das Gegen über einzugehen. Ihr später deutlich aus gesprochenes «Hilf mir» macht Georg hilflos; als es später zur Begegnung kommt, ist sie von ihm enttäuscht.
Bilder mit Tiefgang
Die typisierten Protagonisten erfahren, dass es nicht das Leben ist, das sie trägt; es befremdet vielmehr, verunsichert, lässt einen nicht bei sich selbst ankommen. Corinne Eckenstein schuf dafür klare Bilder, die sich jedoch immer wieder erst nach Verlauf mehrerer Szenen erschließen. So beispielsweise das Eingangsbild: Die Prota gonisten liegen im nächtlichen Schlaf, wabernder Klangteppich darüber. Was erst rätselhaft verschlüsselt wirkt, erweist sich im Laufe der Handlung als Bild dafür, dass die Menschen schlafen. David will dem Geräusch nachgehen, das Yoko beunruhigt, wird von ihr aber zurechtgewiesen: «Du weißt doch gar nicht, was ist, wie willst du mich dann schützen?!» Keiner versteht den anderen wirklich, solang nur das eigene Leben gelebt und gewollt wird.
Dazu braucht es ein Ferment, einen Katalysator, eine Rolle, die der Außenseiter Ulf (Helge Salnikau) im labilen Lebensgefüge der anderen übernimmt. Schlaksig gerät er in ihr Leben, kommt an, wo ihn seine Schlafkrankheit aufwachen lässt, hilft dann gutmütig-tollpatschig, aber bestimmt («Sie müssen sagen, dass Sie es wollen, dass ich Ihnen aus der Hand lese»). Als er erkennt, dass er Chaos angerichtet hat, sagt er verschmitzt, dass er ja dann wieder verschwinden könne.
Auch der Bühnenboden (Andreas Pamperl) - eine Art Küchenarbeitsfläche mit Duschtasseneinsätzen, Waschmaschinen türen und Fernsehbildschirmen - zeigt, dass sich die Menschen auf Ebenen bewegen, wo sie nicht hingehören - und das nicht einmal merken. All diese Bilder schaffen keine eindeutigen Aussagen, le gen aber Bezüge nahe.
Erstaunlich, dass ausgerechnet durch Felix der Autor Benedict Thill Hoffnung vermittelt. Felix geht nach Afrika für ein soziales Jahr. Dass er dafür auch Rita verlassen muss, wiegt nicht mehr so schwer, sie ist ja seine Halbschwester, nicht mehr seine Freundin... Sebastian Jüngel
- Feuilleton | DasGoetheanum | Nr. 7-07 
Eine Sinnsuche im Treibsand
Schicksal versus Selbstbestimmung
Wien - "Eigentlich ist der Titel ein Widerspruch in sich, denn je mehr du dich im Treibsand bewegst, umso mehr gehst du unter", erklärt Regisseurin Corinne Eckenstein ihr Stück "Schwimmer im Treibsand". Durch die sieben Figuren, deren Lebenswege sich darin kreuzen, werden drei verschiedene Altersgruppen repräsentiert. Während die 20-Jährigen noch immer auf Sinnsuche sind, stehen die 30-Jährigen mit beiden Beinen fest im Leben und treffen auf erste gravierende Schwierigkeiten. Die 50-Jährigen dagegen werden bereits von der eigenen Vergangenheit eingeholt.
Unerfüllte Sehnsüchte
Der 21-jährige Felix kommt mit seinen bürgerlich-liberalen Eltern Maria und Georg nicht zurecht, zumal er sich noch nicht einmal über die eigene Sexualität im Klaren ist. "Unerfüllte Sehnsüchte und das Nicht-Wissen, wo man hingehört, sind zentrale Themen des Stückes", erläutert dazu die Regisseurin. Das junge Ehepaar Yoko und David lebt in ungewöhnlicher Rollenverteilung: Während sie ein bekannter Popstar ist, wird er mit seiner Rolle als Hausmann und Kindererzieher immer unzufriedener. Und schließlich fängt auch noch die Fassade der scheinbar glücklichen Ehe zwischen Maria und Georg zu bröckeln an, als eine junge Frau aus Georgs Vergangenheit ihn mit obszönen Anrufen quält. Eine Verbindung zwischen all diesen Charakteren entsteht durch Ulf, einen seltsamen Narkoleptiker. Seine Krankheit lässt ihn immer wieder spontan in unkontrollierbaren Schlaf fallen. "Er ist der Einzige, der mit sich im Reinen ist. Der Einzige, der immer schlafen kann", erläutert der 22-jährige Jungautor Benedict Thill die Rolle von Ulf. Er symbolisiert die Frage "Wie sehr ist man selbst bestimmt, und wie sehr gibt man sich dem Schicksal hin?". Die originelle Bühnengestaltung erinnert an eine zusammen - gepresste Wohnung. "Wir wollten bewusst weg von jeglicher Soap-OperaÄhnlichkeit", begründet der Bühnenbildner Andreas Pamperl das Fehlen von Tischen und Stühlen und die eindimensionale Ausführung. Am Ende des 140-minütigen Stückes wird zwar jeder der Handlungsstränge auf den ersten Blick abgeschlossen, ob es sich aber um ein Happyend handelt, bleibt der individuellen Interpretation jedes Zuschauers überlassen.
Romana Riegler, Katharina Holub
- Der Standard, 16. Jänner 2007

Spannendes Puzzle
David (Manuel Löwensberg) ist Hausmann, seine Frau Yoko (Yap Sun Sun) eine erfolgreiche Popsängerin, Marie (Eva Linder) moderiert im Fernsehen, ihr Mann Georg (Rainer Doppler) ist Architekt, Sohn Felix (Benedict Thill) möchte als Entwicklungshelfer nach Afrika gehen, seine Freundin Rita (Daniela Nitsch) ist möglicherweise die uneheliche Tochter seines Vaters. Und dann wäre da auch noch Ulf (Helge Salnikau), der fast kindliche Weltenbummler, der von einem Ort zum anderen zieht und die Bürger mit ihren eingefahrenen Ritualen in seiner Unschuld richtig aufmischt. Ein reiner Tor im Chaos der Banalitäten.
Der 22-jährige Wiener Benedict Thill ist sichtlich ein glänzender Beobachter und er versteht es, seine Beobachtungen umzusetzen. Er trifft die Situationen und Befindlichkeiten haarscharf auf den Punkt und Regisseurin Corinne Eckenstein hat - unterstützt durch Bühnenbildner Andreas Pamperl - alles transparent gemacht. "Schwimmer und Treibsand" müsste man mehrmals sehen um all die raffinierten Einzelheiten voll zu genießen.
- Wiener Zeitung, 16.1.07
^top
|