SPIEGELLAND
Ein neuer Abstecher in die fremde Welt von Lewis Carrolls "Alice":
"Spiegelland" im Dschungel Wien
Wien - Im Dunkeln erwachen sie und müssen sich sogleich vor einem strengen Gericht identifizieren. Die junge Kinderbuchautorin Alice Underwood und der prominente Fernsehmoderator Silvio Adam wissen nicht, was mit ihnen geschah, nur dass sie jetzt in einer fremden Welt gefangen sind. Getrennt machen sie sich auf den Weg durch das zwischen Leben und Tod liegende Spiegelland, wo es auf Fragen kaum Antworten gibt und Billy Ray Rabbit - ein König Karneval im Cowboykostüm - das Fortkommen seiner Gäste mit einem Fingerschnippen steuert.
Autor Benedict Thill (Jahrgang 1984) bedient sich für Spiegelland, die aktuelle Produktion des Theaterfoxfire im Dschungel Wien, eifrig an Lewis Carrolls Alice im Wunderland. Dort macht er allerdings nicht Halt und gestaltet das von Corinne Eckenstein für junge Erwachsene ab fünfzehn Jahren inszenierte Stück über die Suche nach der eigenen Identität als anspielungsreiche Odyssee. Das Zwischenreich wird hierfür auf Andreas Pamperls karger Bühne nur mittels eines langen, stets neu ausgerichteten Rollbretts, auf dem unterschiedlich hohe Hocker montiert sind, dargestellt.
Wie die verunsicherte Alice (Pokerface: Yap Sun Sun) und der forsche Silvio (offensiv selbstbewusst: Rainer Doppler), so muss auch das Publikum erst langsam die Figuren und deren Weg begreifen lernen. Dies gestaltet sich nicht immer einfach. Einige Passagen scheinen - inspiriert von den psychedelischsten Momenten der Disney-Studios - weniger einer Entwicklung der Handlung zu dienen, sondern vielmehr im Dienste der Illustrierung der Verrücktheit des Spiegellands zu stehen. In diesen Momenten kann der Zuseher das körperbetonte Herumkasperln der Vasallen von König Rabbit (flamboyant: Manuel Löwensberg) einfach an sich vorbeitreiben lassen. Dazwischen gibt es jedoch genug Momente, die das Dranbleiben lohnen. Etwa wenn Alices Spiegelbilder ihr Brille um Brille auf die Nase setzen oder sich Silvio dem Geist seiner Vergangenheit stellt.
Am Ende hat Alice - durchaus brutal - mehr Selbstbewusstsein eingeimpft bekommen und Silvio die Wunden seiner Seele wahrzunehmen gelernt. Eine vollständige Enträtselung des Spiegellands bleibt allerdings aus.
- Dorian Waller / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.4.201
Alice ohne Wunderland bei Tee und Blaubeerkuchen um 96 Uhr. So tanzen die Spiegelländer. Nicht aber die irdischen Außenseiter Alice und Silvio. Ihnen wird in "Spiegelland" vom jungen Wiener Autor Benedict Thill ein schillernd schmerzender Spiegel vorgehalten.
Alice Underwood schreibt Kinderbücher. Sie ist Ende 20, aus Birmingham, Single, kinderlos und ihre Lieblingsfarbe ist Blau, ihr Lieblingsbuch: "Die Nase" von Gogol.
Silvio Adam, 46, Fernsehmoderator, verheiratet, eine Tochter und seine Lieblingsfarbe ist Rot. Am liebsten liest er den "Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil. Sein Lieblingsfilm: "Taxi Driver". Alice und Silvio stolpern durch ein belehrendes Spiegelland, das sie zum Weinen und Tanzen zwingt. Begriffe wie Zeit, Raum und Normalität scheinen aufgelöst. Ein querköpfiges Kind hält den Unbeugsamen die Erbärmlichkeit ihrer profanen Existenz vor. Die fragenden Fremden prallen auf ein gestisch grandios untermaltes Spiegelbild. In Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft fordern Billy Ray Rabbit, Drahtzieher der Spiegelbande, und seine Spielpartner zu einem Erkenntnistanz auf.
Unter der Regie von Corinne Eckenstein ringt unbeschwerte Kindlichkeit mit erwachsener Borniertheit in pantomimisch kunstvollen Gesten einer plakativen Kinderbuchmoral. Als hätte es Pippi Langstrumpf und Ko nie gegeben, komponiert der 1984 geborene Autor Benedict Thill eine Lobeshymne an etwas, das Erwachsene zu vergessen tendieren: Phantasie.
Anspielungsreiches Jugendtheaterstück von Benedict Thill –
Kinderbuchautorin Alice und Quiz-Moderator Silvio in einerTraumwelt voll Absurditäten
Wien (APA) - "Was bin ich denn jetzt eigentlich? Bin ich ein Mensch, der geträumt hat, ein Schmetterling zu sein, oder bin ich in Wirklichkeit ein Schmetterling, der geträumt hat, ein Mensch zu sein?" zitiert Dorothy den chinesischen Dichter Dschuang Dsi in Benedict Thills neuem Theaterstück „Spiegelland", das gestern Abend in der Regie von Corinne Eckenstein seine Uraufführung feierte und bis zum 16. April im Dschungel Wien zu sehen ist.
Inspiriert von Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" erzählt Thill ("Schwimmer im Treibsand", "Fieberträume"), 1984 geborener Wiener und Schützling von Peter Turrini, jugend-, aber nicht kindergerecht (ab 15 Jahren) vom Suchen und Finden der eigenen Identität, vom Verlust der Kindheit, dem Gefühl des Verlorenseins, Sinn und Unsinn, und der Gratwanderung zwischen Traum und Realität.
Das fängt in der ersten Szene bei ganz banalen Fragen wie "Was ist dein Lieblingsfilm?" an und endet bei existenziellen Problemen: "Werde ich glücklich sein?" Wer hat das überhaupt erfunden, das Glück? Fragen mit denen sowohl die 28-jährige Kinderbuchautorin Alice, als auch der vermeintlich glückliche und erfolgreiche 46-jährige Quizshow-Moderator ("Wer weiß mehr? Der Preis ist heiß, drum bau keinen Scheiß!") Silvio plötzlich konfrontiert sind. Die beiden stolpern - ohne, dass man zunächst weiß warum - in eine Art Traumwelt voller Absurditäten, bewohnt von Billy Ray Rabbit (einer Kombination aus Cowboy, dem Götterboten Hermes und Carrolls weißem Hasen), Diego daSilva (der an den verrückten Hutmacher erinnert, aber aussieht wie eine Mischung aus Vogelscheuche und Blechmann aus "Der Zauberer von Oz") und die Triple-D's: Dorothy Garland (das Pendant zur Herzkönigin), Dolores daSilva (die Carrolls Grinsekatze ähnlich, jedoch eine etwa 10-jährige Kettenraucherin ist) und Doris Daylight.
In Spiegelland angekommen, sind die beiden Protagonisten zunächst völlig desorientiert. Sie können sich in den schrägen Figuren - die ihre Spiegelbilder verkörpern - nicht erkennen und wollen sich ihren Ängsten nicht stellen: "In welchem Bundesland liegt Spiegelland?", will Silvio wissen. Der Spiegel ist Symbol für Selbsterkenntnis und Wahrheit, die Alice und Silvio verdrängen, bis es schließlich zur alles entscheidenden Frage kommt: blaue oder rote Pille? Leben oder Tod? Sind Wahrheit und Freiheit wichtiger als subjektives Wohlbefinden?
Einem Begleittext zufolge ging es bei „Spiegelland" keineswegs darum "eine Neuinterpretation des Stoffes von Alice im Wunderland zu produzieren, sondern Motive, die sich auch in anderen Geschichten finden, aufzugreifen". So ist es dem Autor auch gelungen, ein neues, von Carroll unabhängiges Stück, auf die Bühne zu bringen, das sich durch skurrilen Witz und Tiefgang auszeichnet. Wir begegnen Referenzen, u.a. zu "Der Zauberer von Oz" (etwa wenn Alice "Somewhere over the Rainbow" singt) oder dem Spielfilm "Matrix" (in dem Hauptprotagonist Neo sich für eine Pillenfarbe entscheiden muss).
Die Kostüme (Ulli Nö) sind passend bunt und fantasievoll, bei dem minimalistisch angesetzten Bühnenbild (Andreas Pamperl), bestehend aus einer beweglichen Rampe, auf der sechs "Pulte" stehen, braucht man allerdings als Zuseher viel Vorstellungsvermögen, um in eine Traumwelt einzutauchen, wie sie Carroll beschrieb oder unlängst Regisseur Tim Burton auf die Kinoleinwand brachte.
Besonders überzeugend spielten Manuel Löwensberg (Billy), Eva Linder (Dorothy) und Maria Spanring (Doris), doch hätte Sue-Alice Okukubo bei der Musikgestaltung mehr Risiko eingehen und auf noch spannendere, düstere, aber auch fantastischere Elemente setzen können. Ob Schmetterling, ob Mensch: Antworten auf die großen und kleinen Fragen des Lebens gab es an diesem Abend zwar keine, aber dafür langanhaltenden Applaus.
Suche nach sich, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft -
"Spiegelland" im Dschungel Wien
von Heinz Wagner
Alice lebt HIER nicht mehr!" Der Satz begegnet ihr einige Male. Alice landet im "Spiegelland". Ist es das ehemalige Wunderland? Könnte sein. Scheint, als würde ihr manches bekannt vorkommen. Und doch auch wieder nicht. Manch Wesen schon. Manche Situation auch. Aber was ist es?
Spiegel: "Siehst du mich oder siehst du dich?" Zeit zum Innehalten. Zum Fragen, wer bin ich, wo bin ich und wo will ich hin?" Oder: Was hab ich mit meinem Leben Sinnvolles angefangen - bisher?
In dem leicht skurril anmutenden "Zwischenland" mit glitzernden Barhockern, verspielten, geheimnisvollen Szenen und einer rasanten auf einem Jahrmarkt trifft Alice - genial gespielt von Yap Sun Sun - nicht nur auf drei verfremdete Alices - als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft -, sondern auch, wie alle anderen Spiegelland-Bewohner_innen auf Silvio Adam. Der meint, ein berühmter TV-Moderator zu sein. Sein Pech: Keine_r scheint ihn und seine Sendung zu kennen. Dabei hat seine Quizshow ein witziges Format: Die Antwort wird vorgegeben, gesucht ist die dazu passende Frage. Hart wird's als im Reflexionsland zwischen Leben und Tod, das sich "Spiegelland" entpuppt, Herr Adam in Form dieser Show "Wer mehr weiß...." mit einigen zentralen Stationen seines Lebens konfrontiert wird.
"Spiegelland" ist eine streckenweise witzige, mitunter abrupt sehr, sehr ernst werdende, jedenfalls weitgehend amüsante, spannende, fantasiegeladene und - auch - anregende Reisebegleitung von Alices und Silvios Suche nach dem Sinn von deren Leben. Und animiert vielleicht dazu, sich solche Fragen für sich selbst zu stellen.
Bei der Premiere glänzte das gesamte Ensemble mit hervorragendem, exaktem aufeinander abgestimmtem, punktgenauem Spiel des jungen Autors Benedict Thills Stück in der Regie von Corinne Eckenstein (es war deren bereits dritte Kooperation) ging voll auf.
- Kurier, 8.4.2010
Wien, (OTS) Alles rollt, das Leben von Silvio (Rainer Doppler) und Alice (Yap Sun Sun) ebenso, wie die metallene Barhocker-Requisite auf der Bühne im Dschungel Wien (Bühne: Andreas Pamperl): "Spiegelland", das jüngste Stück von Benedict Thill, welches noch drei Mal in dieser Woche zu sehen ist, präsentiert sich als gelungener Rätsel-Parcours durch Lewis Carrolls "Alice im Wunderland" mit dennoch deutlich eigener Handschrift.****
Der Weg zur Erkenntnis liegt noch vor ihm: "Silvio" (Rainer Doppler, 5.v.li.) beim vergeblichen Versuch, die bunten Schattenfiguren Spiegellands von seinem Promi-Faktor zu überzeugen
Piepsende Emergency room-Atmosphäre macht sich zuerst breit auf der dunkeln Bühne, die unmittelbar darauf zur rasanten, kirre wirkenden Selbsterkenntnis-Tour von Silvio und Alice mutiert. Fünf Charaktere aus dem Niemandsland zwischen Leben und Tod, Normalität und Wahnsinn treten den beiden nicht nur entgegen, vielmehr schnappen sie sich die beiden Wiedererwachten und beuteln deren Leben dermaßen wild durch, bis zuletzt etwas rausfällt, was man den bisherigen Lebenssinn nennen könnte. Bisherig deswegen, weil zuletzt Silvio und Alice vor die Wahl gestellt werden, aus verschiedenen Pillen ihr weiteres Schicksal zu bestimmen.
Neben Carrolls Jugendklassiker mischt Thill ebenso beiläufig wie gekonnt auch M. Night Shyamalans "The sixth sense" in sein ausgedachtes Spiegelland hinein: Silvio, der wohl mit italienischem Hintersinn als seichter Quiz-Moderator in Spiegelland aufwacht, lernt erst auf Umwegen um seine tote Familie zu trauern und seinen eigenen "dummen" Tod während einer Blinddarmoperation zu akzeptieren, wie auch die menschenscheue Kinderbuchautorin Alice ihr eigenes Ertrinken beim Retten eines Hundes annimmt. Bis dahin ist jedoch der Weg ein langer und dunkler und die beiden werden großartig-hinterfotzig von König Rabbit (Manuel Löwensberg) und seiner chaotisch-wilden Truppe Dorothy (Eva Lindner), Doris (Maria Spanring), Clown (Richard Schmetterer) und Dolores daSilvia (Julia Plach) durch einen pausenlosen 100-minütigen Fleischwolf gedreht.
Die Regie stammt von Corinne Eckenstein, die mit ihren Arbeiten ("Chatroom", "Dark Site", "Fieberträume") wiederholt am Dschungel bemerkenswerte Arbeiten abgeliefert hat. Die Kostüme fertigte Ulli Nö, die Musik verantwortet Sue-Alice Okukubo.
- wien.at, 12.4.2010